Vorlesezeit: ca. 13–20 Minuten
Lotti und Kalle basteln Laternen, helfen Ben und entdecken, warum Teilen und Freundschaft an Sankt Martin so wichtig sind. Eine Vorlesegeschichte ab 4 Jahren.
Muh-tige Hofabenteuer mit Lotti und Kalle
Sankt Martin und das Wunder der kleinen Lichter
Eine herbstliche Geschichte über das Laternenbasteln, eine besondere Freundschaft und die Freude am Teilen.
November · Für Kinder ab 4 Jahren · Vorlesezeit etwa 8–10 Minuten
Ein ungewöhnlicher Fund in der Scheune
Der November hatte Annis Bauernhof fest im Griff. Feiner Nebel schwebte über den Weiden, die Bäume hatten fast alle Blätter verloren, und morgens war es schon richtig kalt.
Lotti stand vor ihrem Stall und genoss gerade ihr Frühstück. Die schwarz-weiße Kuh ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
Bis aus der Scheune ein gewaltiger Lärm drang.
RUMPEL! KRACH! PLUMPS!
„Was war das denn?“, rief Lotti und eilte zur Scheunentür.
Dort stand Kalle, der kleine Jungbulle. Seine Traktor-Latzhose war mit Stroh bedeckt, und über seinen Kopf hatte er einen großen Pappkarton gestülpt.
„Tadaa!“, verkündete er. „Darf ich vorstellen? Die erste Kalle-Laterne!“
Lotti betrachtete ihn eine Weile. Dann musste sie lachen, sodass ihr einzelner Goldzahn im Licht aufblitzte.
„Kalle, du bist doch keine Laterne! Du bist ein Karton auf vier Beinen.“
Der kleine Jungbulle schob den Karton von seinem Kopf.
„Aber ich übe schon! Morgen kommt doch Sankt Martin. Und da braucht jeder eine Laterne!“
„Sankt Martin?“, fragte Lotti. „Was hat der denn mit Laternen zu tun?“
Noch bevor Kalle antworten konnte, kam Bäuerin Anni aus ihrem Hofladen. Ihre blonden Haare fielen ihr über die Schultern, und in ihren blauen Augen lag ein fröhliches Funkeln.
„Das werdet ihr bald erfahren“, sagte sie. „Heute Nachmittag kommen die Dorfkinder zum Laternenbasteln. Morgen Abend ziehen wir dann gemeinsam mit Sankt Martin durch die Dunkelheit.“
Kalle sprang aufgeregt herum.
„Wir dürfen mitbasteln?“
„Aber selbstverständlich!“, antwortete Anni.
Lotti reckte stolz den Kopf.
„Dann bastle ich die allerschönste Laterne, die dieser Hof je gesehen hat.“
Kalle verschränkte die Vorderbeine.
„Meine wird mindestens genauso schön!“
„Solange du nicht wieder alles mit Kleber vollschmierst“, erwiderte Lotti.
Ein Nachmittag voller Papier, Farben und Kleber
Am Nachmittag strömten die Kinder aus dem Dorf auf Annis Hof. In der großen Scheune war inzwischen eine richtige Bastelwerkstatt entstanden.
Auf den Tischen lagen bunte Papierbögen, Transparentpapier, Scheren, Klebestifte und Holzstäbe. Für das Licht hatte Anni kleine batteriebetriebene LED-Lämpchen bereitgelegt.
Daneben standen Becher mit warmem Apfelsaft. Aus der Küche duftete es nach frisch gebackenen Martinswecken.
„Sucht euch einen Platz und überlegt, was für eine Laterne ihr gestalten möchtet!“, erklärte Anni.
Lotti hatte ihre Entscheidung längst getroffen.
„Meine Laterne soll eine Kuh werden“, sagte sie zu Mia, einem kleinen Mädchen, das neben ihr Platz genommen hatte. „Mit schwarzen Flecken, rosa Ohren und natürlich einem goldenen Zahn.“
„Genau wie du!“, lachte Mia.
Die beiden machten sich sofort an die Arbeit. Mia schnitt die Ohren aus, während Lotti sorgfältig die schwarzen Flecken aufklebte.
Am anderen Ende des Tisches saß Kalle.
Vor ihm lagen grüne Pappe, zwei schwarze Räder und jede Menge gelbes Transparentpapier.
„Ich mache einen Traktor, der im Dunkeln leuchtet!“, erklärte er.
Allerdings wollte das erste Rad nicht halten.
Kalle drückte es fest. Kaum ließ er los, fiel das zweite Rad herunter.
„So ein Mist!“
Er griff nach dem Kleber, rückte näher an den Tisch und machte einen ungeschickten Schritt.
PLATSCH!
Mit beiden Vorderhufen stand er plötzlich mitten im Bastelkleber.
„Äh, Lotti? Ich glaube, ich habe ein kleines Problem.“
Lotti drehte sich um.
„Du hast ja tatsächlich wieder den Kleber erwischt!“
Die Kinder kicherten, und Holgi, der alte graue Esel, streckte neugierig seinen Kopf durch die offene Tür.
Anni brachte ein feuchtes Tuch und half Kalle, sich zu befreien.
„Ich wollte nur testen, wie gut der Kleber hält“, behauptete der kleine Jungbulle.
„Und?“, fragte Lotti.
Kalle seufzte.
„Ausgezeichnet.“
Der Junge ohne Laterne
Während ringsherum gebastelt, geklebt und gelacht wurde, fiel Lotti etwas auf.
Ein kleiner Junge saß allein auf einer Bank. Vor ihm lag ein zerrissener Papierbogen.
Lotti ging zu ihm.
„Hallo! Ich bin Lotti. Warum sitzt du hier ganz alleine?“
„Ich heiße Ben“, antwortete der Junge leise. „Ich wollte eine Sternenlaterne machen. Aber das Papier ist kaputtgegangen.“
Er hielt die beiden zerknitterten Stücke hoch.
„Jetzt habe ich nicht mehr genug.“
Lotti schaute auf ihre fast fertige Kuh-Laterne. Neben ihr lagen noch einige Bögen buntes Papier, die sie eigentlich für zusätzliche Verzierungen verwenden wollte.
Sie überlegte nur einen Augenblick.
„Komm, Ben. Wir machen deinen Stern zusammen. Von meinem Papier kannst du etwas haben.“
Ben sah sie überrascht an.
„Aber dann hast du doch weniger für deine eigene Laterne!“
„Das macht nichts“, antwortete Lotti. „Meine Kuh sieht auch mit ein paar Flecken weniger hübsch aus.“
Kalle hatte das Gespräch mitbekommen. Sofort nahm er einen großen Bogen gelbes Transparentpapier von seinem Stapel.
„Und das bekommst du von mir! Daraus machen wir einen richtig hellen Stern.“
„Brauchst du das nicht für deinen Traktor?“, fragte Ben.
„Dann bekommt er eben kleinere Fenster“, erklärte Kalle. „Ein guter Traktor fährt auch mit kleinen Fenstern.“
Gemeinsam bastelten sie eine fünfzackige Sternenlaterne. Lotti half beim Ausschneiden, Kalle befestigte vorsichtig das LED-Licht, und Ben klebte die goldenen Verzierungen auf.
Als sie fertig waren, schaltete Ben das Licht ein.
Sein Stern strahlte wunderschön.
„Danke!“, rief er und umarmte die beiden.
Anni, die das Ganze beobachtet hatte, lächelte.
„Ihr habt gerade etwas gemacht, das wunderbar zu Sankt Martin passt.“
Warum feiern wir Sankt Martin?
Neugierig versammelten sich die Kinder um Anni. Sie nahmen auf den Strohballen Platz, während Lotti und Kalle sich dazusetzten.
Max, der verschlafene Labrador, machte es sich gemütlich und legte den Kopf auf seine Pfoten.
„Vor langer Zeit“, begann Anni, „gab es einen Soldaten namens Martin. An einem eisigen Wintertag ritt er durch eine Stadt. Am Stadttor entdeckte er einen armen Mann, der schrecklich fror.“
Kalle rückte näher an Lotti heran.
„Hatte der Mann denn keine warme Jacke?“
„Nein“, erklärte Anni. „Er hatte kaum etwas, womit er sich vor der Kälte schützen konnte. Martin sah seine Not und wollte helfen.“
„Und was hat er gemacht?“, wollte Mia wissen.
„Er nahm sein Schwert und teilte seinen eigenen Mantel. Eine Hälfte behielt er, die andere schenkte er dem frierenden Mann.“
Ben staunte.
„Dann musste Martin doch selbst frieren!“
Anni nickte.
„Er hatte danach nur noch einen halben Mantel. Aber ihm war wichtig, dass auch der andere Mensch etwas Warmes bekam.“
Einen Moment lang wurde es still in der Scheune.
Dann schaute Kalle zu Ben.
„So ähnlich wie mit unserer Laterne? Wir haben alle etwas abgegeben, und am Ende hat Ben einen wunderschönen Stern bekommen.“
„Ganz genau“, sagte Anni. „Darum erinnern wir uns an Sankt Martin. Er zeigt uns, wie wichtig Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Teilen sind.“
Lotti betrachtete ihren goldenen Papierzahn an der Kuh-Laterne.
„Dann kommt es wohl gar nicht darauf an, wer die schönste Laterne hat.“
„Sondern darauf, dass niemand ohne Licht bleiben muss“, ergänzte Kalle.
Endlich kommt Sankt Martin!
Am nächsten Abend war es so weit.
Der Bauernhof war festlich geschmückt. Kleine Lichterketten funkelten zwischen den Gebäuden, und die Kinder hielten voller Vorfreude ihre selbst gebastelten Laternen in den Händen.
Lotti präsentierte stolz ihre schwarz-weiße Kuh-Laterne. Ihr goldener Papierzahn glänzte im warmen Licht.
Neben ihr stand Kalle mit seinem grünen Traktor.
„Seht mal!“, rief er. „Mein Traktor hat sogar eine Beleuchtung im Führerhaus!“
Vor Begeisterung schwenkte er den Laternenstab etwas zu kräftig.
Die Laterne drehte sich einmal um sich selbst.
„Huch!“, machte Kalle und fing sie gerade noch auf.
„Vorsichtig, du Rennfahrer“, lachte Lotti.
Plötzlich hörten alle ein Pferd näherkommen.
Klipp, klapp. Klipp, klapp.
Ein Reiter mit einem großen roten Mantel erschien auf dem Hofweg.
„Sankt Martin ist da!“, riefen die Kinder.
Der Reiter begrüßte die versammelten Familien und führte anschließend den Laternenzug an.
Fröhlich erklang das bekannte Lied:
„Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne …“
Bunte Lichter bewegten sich durch die Dunkelheit. Manche Laternen waren rund, andere eckig, einige stellten Tiere dar.
Holgi ging ruhig am Rand des Zuges entlang. Max trottete mit Anni hinter den Kindern her.
Lotti, Kalle und Ben liefen nebeneinander.
Über ihnen glitzerten die Sterne, und vor ihnen leuchteten die Laternen wie kleine bunte Wunder.
Ein dunkler Stern und ein kaputter Traktor
Plötzlich blieb Ben stehen.
„Meine Laterne!“, rief er erschrocken.
Sein schöner Stern war dunkel geworden.
Ben drückte auf den Schalter, doch nichts geschah.
„Jetzt geht sie nicht mehr“, sagte er traurig.
Kalle betrachtete die Laterne ganz genau.
„Vielleicht hat dein Stern nur einen kleinen technischen Fehler.“
Er untersuchte vorsichtig das Batteriefach. Tatsächlich hatte sich ein Kontakt gelockert.
Kalle schob die Batterie wieder zurecht.
KLICK!
Das warme Licht ging erneut an.
„Sie funktioniert wieder!“, jubelte Ben.
Vor lauter Freude sprang Kalle in die Luft. Dabei vergaß er völlig, dass er seine eigene Laterne ins Gras gestellt hatte.
Ein kräftiger Windstoß wehte über den Weg.
Der Laternenstab kippte um.
KNACK!
Ein Rad löste sich von Kalles Traktor, und das grüne Papier bekam einen Riss.
Der kleine Jungbulle blickte auf seine kaputte Laterne.
„Oh nein. Jetzt ist mein Traktor kaputt.“
Seine blauen Augen wurden ganz traurig.
Ben ging zu ihm und nahm seine Hand.
„Du hast mir geholfen, als mein Stern nicht mehr leuchtete. Jetzt helfe ich dir.“
Er hielt die Sternenlaterne zwischen sich und Kalle.
„Wir können sie doch zusammen tragen.“
Auch Lotti stellte sich dazu.
„Und zu Hause basteln wir deinen Traktor wieder ganz. Das schaffen wir bestimmt.“
Kalle lächelte schließlich.
„Dann teilen wir uns eben einen Stern!“
So gingen sie zu dritt weiter. Der goldene Stern schaukelte zwischen ihnen und leuchtete ihnen den Weg.
Martinswecken für alle
Zurück auf dem Hof wartete schon das Martinsfeuer. Anni hatte darauf geachtet, dass die Kinder mit genügend Abstand zum Feuer standen.
Die Familien versammelten sich, sangen gemeinsam und bewunderten noch einmal die vielen Laternen.
Anschließend verteilte Anni ihre frisch gebackenen Martinswecken.
„Für jeden ist einer da!“, rief sie.
Kalle nahm seinen Wecken entgegen. Dann schaute er auf den besonders großen Wecken, den Lotti bekommen hatte.
„Lotti?“
„Ja, Kalle?“
„Deiner sieht wirklich unglaublich lecker aus.“
„Deiner ist doch genauso lecker.“
Kalle überlegte.
„Aber vielleicht schmeckt deiner noch ein kleines bisschen besser?“
Lotti lachte und brach ihm ein Stück ab.
„Hier, mein kleiner Feinschmecker.“
Kalle bedankte sich. Dann schaute er zu Ben, brach seinen eigenen Wecken auseinander und bot dem Jungen eine Hälfte an.
„Wollen wir teilen?“
„Sehr gerne!“
Anni setzte sich zu den dreien.
„Was hat euch heute Abend am besten gefallen?“
Lotti sah auf die bunten Laternen.
„Mir hat gefallen, wie schön es ist, etwas gemeinsam zu machen.“
Ben hob seinen Stern.
„Und dass man mit Freunden sogar dann noch Licht hat, wenn die eigene Laterne kaputtgeht.“
Kalle nickte eifrig.
„Und dass Teilen nicht bedeutet, dass man am Ende weniger Freude hat.“
Anni lächelte zufrieden.
Holgi stand währenddessen bei der Scheune und schaute auf die letzten leuchtenden Laternen. Max hatte es sich auf einer weichen Decke bequem gemacht und schlief friedlich.
Über dem Bauernhof stand der helle Novembermond.
Lotti stupste Kalle liebevoll an.
„Und? Was bastelst du nächstes Jahr? Wieder einen Traktor?“
Kalle überlegte.
„Nein. Nächstes Jahr baue ich eine riesige Kuh-Laterne! Mit vier Beinen, zwei Hörnern und einem goldenen Zahn!“
Lotti schüttelte lachend den Kopf.
„Dann besorgen wir besser schon jetzt einen großen Vorrat Bastelpapier!“
„Und Kleber!“, fügte Kalle hinzu.
„Aber diesmal bleibst du bitte daneben stehen!“
Noch lange hörte man ihr fröhliches Lachen über den Hof.
Und alle wussten an diesem Abend:
Ein kleines Licht kann eine große Freude schenken. Besonders dann, wenn wir es miteinander teilen.
Ende.
Lotti und Kalles Martinsgedanke
Lotti schaut die Kinder an und sagt: „Das Schönste an Sankt Martin ist nicht die größte Laterne oder der längste Umzug. Es ist die Freude, die entsteht, wenn wir einander helfen.“
Kalle nickt und ergänzt: „Und zusammen basteln macht viel mehr Spaß! Nur mit dem Kleber muss ich nächstes Mal besser aufpassen.“
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